Was Cliffhanger leisten

Spannung ist wichtig und Cliffhanger sind ein gern empfohlenes Mittel. Was taugen sie wirklich.

Der Begriff

Als Stilmittel gibt es ihn wahrscheinlich schon so lange, wie Menschen sich Geschichten erzählen, zur Hochform läuft er aber erst beim seriellen Erzählen auf. Comic-Reihen, Roman- und TV-Serien benutzen ihn, um den Leser beziehungsweise Zuschauer zu animieren, sich auch das nächste Heft oder das nächste Buch zu kaufen beziehungsweise sich auch nächste Woche wieder vor den Fernseher zu setzen.

Er dient also dazu, die Lücke zwischen den Teilen mit einer Spannungsbrücke zu verbinden.

Die Anatomie

Nicht alles, was als Spannungsbrücke dient, ist ein Cliffhanger. Namensgeber ist eine Szene aus einem in Fortsetzung erschienen Roman, in der der Held eine Klippe hinabstürzt und sich buchstäblich nur noch an einem Büschel Gras festhalten kann – er hing am Cliff und erst einen Monat später erfuhr der Leser, wie es mit ihm weiterging.

Eine Hauptfigur im Moment zwischen Leben und eventuellem Tod zu verlassen, ist nur eine Form des Cliffhangers. Genauso dramatisch ist es, wenn man als Leser just in dem Moment, in dem sich Figur A als Mörder oder unschuldig entpuppt, die Story verlassen muss. Auch die Identität des Bösewichts oder der wahren Liebe ist so eine brennende Frage, die sich als Spannungsbrücke eignet.

Kein Cliffhanger ist es, wenn die Figur mit der Frage ins Bett geht, wer der anonyme Verehrer wohl ist. Oder wenn der Oberkommissar einen Einfall hat, wie er den Täter überführen kann, und sich an die Umsetzung der Idee macht.

Weniger ist mehr

In der Natur des Cliffhangers liegt es, dass bei der Wiederaufnahme der Handlung die Spannung sofort abfällt – der Held stürzt nicht zu Tode, die Identität des Verehrers wirft neue, spannendere Fragen auf, der Mörder ist in Wirklichkeit nicht der Mörder.

Je öfter man Cliffhanger benutzt, desto mehr gewöhnt sich der Zuschauer/Leser daran, dass es sich nur um einen Effekt handelt, der nicht hält, was er verspricht. Dummerweise wirkt das nicht nur innerhalb eines Fortsetzungswerkes so, sondern auch übergreifend: Je mehr Cliffhanger-lastige TV-Serien man gesehen hat, desto unempfindlicher reagiert man beispielsweise auch auf Cliffhanger bei Fortsetzungsromanen.

Bei Büchern kommt dazu, dass die wenigsten Leser einen 300-Seiter am Stück „runterschrubben“ wollen oder können. Als Autor sollten Sie ihnen immer wieder Stellen anbieten, an denen sie das Buch weglegen und essen oder schlafen gehen können.

Abgründe tun sich da auf! Oder eben nicht

Der Cliffhanger verliert sofort seine Funktion, wenn der Abgrund fehlt. Wenn in einem Roman oder Film ein Kapitel/eine Szene mit Cliffhanger endet und das/die nächste Kapitel/Szene nahtlos an dieser Stelle wieder einsteigt, dann wirkt das eher wie eine für Werbepausen konzipierte kleine Lücke oder – im Roman – als sei der eigentlich durchgehende Text lediglich durchgehackt worden.

Auch wenn das nächste Kapitel einen kleinen Spannungsauftakt hat, also der Durchgehackt-Effekt nicht 100%ig auftritt, wirkt es seltsam: Der Leser muss ja nicht bei der Stange gehalten werden, er kann sofort weiterlesen. Bei TV-Serien, die man heutzutage auch durchaus „am Stück“ sehen kann, ist das nicht ganz so schlimm, denn hier erzeugen Ab- und Vorspann immerhin ein kleines Abgründchen, während dem der Zuschauer auf die Idee kommen könnte, doch lieber ins Bett zu gehen.

Was in der klassischen TV-Serie oder dem monatlich erscheinenden Fortsetzungsroman die Zeitverzögerung ist, muss in der Streaming-Serie oder dem Roman anders gelöst werden. In der Regel geschieht das dadurch, dass das/die dem Cliffhanger folgende Kapitel/Szene eben nicht die vorherige Handlung weiterführt, sondern an einen anderen Ort oder eine andere Zeitebene springt.

… und überhaupt

Da sich Cliffhanger schnell „abnutzen“ können und nur für spezielle Erzählstrukturen passen, sollte man sparsam damit umgehen. Wenn sie nämlich als „künstliche Effekte“ empfunden werden, stoßen sie den Leser/Zuschauer eher ab, als ihn festzuhalten. Und wenn sie die einzigen Stellen sind, an denen überhaupt so etwas wie Spannung aufkommt, retten sie die Lage auch nicht gerade.

Es ist viel wichtiger, durch Handlung, Struktur und Sprache Spannungsbögen zu erzeugen. Wenn sich dabei ein Cliffhanger ergibt, dann nutzen Sie ihn ruhig. Aber versuchen Sie, nicht gezielt auf Cliffhanger hinzuschreiben – zu leicht gewöhnen Sie sich das als Standard-Methode an.

Ach ja, noch was: Es gibt mehr Serien, Filme und Bücher ohne Cliffhanger als welche mit. Das scheint also auch zu funktionieren …