Musik liegt im Text

Ein Stillehrer in einem Kurs sagte uns einmal, Text sei eine Mischung aus Mathematik und Musik. Von der Mathematik komme der Umgang mit Formeln und „Werten“: Wörter und Formulierungen, Grammatik und Synthax transportieren den Inhalt und müssen korrekt sein. Von der Musik kämen Klang und Rhythmus: Diese unterstreichen Inhalte oder färben sie um, vor allem aber sind sie maßgeblich für den Lesespaß.

Vokale

Zu den Übungen, die dieser Dozent mit uns machte, gehörte das Austesten und Umsetzen der Vokal-Farben. Vom sehr dunklen langen „u“ (z. B. gestreckt durch ein nachfolgendes „h“) bis zum spitzen, fast hektischen kurzen „i“ (z. B. verkürzt durch einen nachfolgenden Doppelkonsonant) reicht die Spanne, die man da gezielt einsetzen kann.

Wichtig: Der Leser sollte vor allem beim Umgang mit den Vokalen nicht merken, dass der Autor die Worte gezielt danach ausgesucht hat. Zumindest in der Prosa wirkt das schnell verkünstelt (in der Lyrik kann dieser Effekt jedoch sogar einen besonderen Reiz ausmachen), vor allem wenn man dabei zu eher selten benutzten Wörtern greift. Etwas wie
Dunkel bot sich der Ort dar, okult beinahe. Objekte offenbarten sich kaum, höhnten den Suchenden, wenn jener schmerzvoll auf sie traf. „Otto, oh Otto“, wogten Ernas Worte durch die nebulöse Düsternis an sein Ohr. „Sollte ich sonntags je solo sein, oh so sorge sofort für dein Kommen!“

klingt unecht, ja kitschig.

Glaubhafter ist hingegen so etwas:
Dumpf schlug der Gong zur zwölften Stunde. Das Dunkel umhüllte mich gnadenlos, formte sich vor meinen Augen zu unheimlichen Gestalten, wogte und sog an mir. Unaufhaltsam verlor ich mich an die Nacht, wagte kaum zu atmen, lag reglos im Laub, von dem ein Duft wie Tod aufwehte, mich umspülte und betäubte. Geistermurmeln drang an mein Ohr und machte mich schläfrig.
„Spinnst du?!“, schrie Hilde und knipste die Taschenlampe an. Der Lichtfinger wieselte hin und her, um mich zu finden. Er stieß in mein Gesicht, ließ mich instinktiv die Augen schließen. Hilde lief zu mir und kniete sich neben mich. Ich blinzelte zu ihr hinauf.
„Angst gehabt?“, fragte ich. Sie nickte ein noch immer verängstigtes Nicken. Ich richtete mich auf und lächelte sie um Verzeihung bittend an. Jetzt erst erleichtert fiel sie mir um den Hals. „Bitte verlass mich nie“, hauchte sie. Ich strich ihr besänftigend übers Haar, sog noch einmal den Duft des Laubes ein, bevor er dem Geruch nach Blut weichen würde …

Der „Trick“ besteht darin, nicht krampfhaft nach Wörtern mit dem färbenden Vokal zu fischen, sondern „normal zu schreiben“ und nur dort Synonyme zu verwenden, wo es passt.

Konsonanten

Die Klangwirkung von Konsonanten ist eingeschränkt: Stimmhaftes wie „m“, „n“ und das weiche „s“ wirken beruhigend, „Knall-Laute“ wie „t“ oder „p“ wirken hart. Vor allem aber modifizieren die Konsonanten den Klang der Vokale. Das Wort „Möbel“ strahlt etwas Gediegen-Ruhigeres aus als „Schränke“; „ging“ klingt – entgegen der semantischen Bedeutung übrigens! – gelassener als „schritt“, letzteres erzeugt durch seine Härte mehr Aufmerksamkeit für den Vorgang; bei „Dutt“ und „Haarknoten“ wird sofort klar, was man eher mit „frech und flippig“ assoziiert …

Sätze

Rhythmus wird aber auch mit den Sätzen (und Absätzen) erzeugt. Je länger ein Text ist, desto wichtiger ist es, dass dieser Rhythmus variiert. Kurze, harte Sätze, die in Actionszenen für Drive sorgen, werden ebenso schnell langweilig wie lyrische, weiche, lang fließende Sätze. Das eine macht atemlos, das andere lullt ein.

Die reine Satzlänge ist für den Anfang ein gutes Kriterium zum Einüben von Rhythmus-Variationen. Eine allgemeingültige Zuordnung zur Wirkung gibt es allerdings nicht. So kann eine Actionszene aus lauter kurzen, wie Trommelschläge aneinandergereihten Sätzen Tempo haben, man kann die einzelnen Trommelschläge aber auch wie ein Kette in einem Wurm-Satz (nicht Schachtelsatz!) zusammenfügen und damit Atemlosigkeit vermitteln.

Oft unterschätzt wird die Betonung innerhalb des Satzes als Rhythmusgeber. Wenn man z. B. alle Sätze mit der Betonung am Satzanfang konstruiert, hilft auch die Satzlängenvariation wenig beim Rhythmus-Spiel. In diesem Zusammenhang entsteht auch das Phänomen, ob ein Satz hart klingt oder eher weich. Starke Betonungen auf der ersten oder zweiten Silbe im Satz wirken zum Beispiel wie ein Schlag, der dann im Satz ausklingt. Liegt die Hauptbetonung weiter hinten, fühlt sich ein Satz eher wie der Bogenstrich einer Geige an, der sanft einsetzt und sich erst im Verlauf zur Betonung aufschwingt.

Hammerschlagartig kommen immer auch kurze Worte daher. „Er war da.“ ist härter als „Er war anwesend.“ und dieses wiederum ist härter als „Er befand sich unter den Anwesenden.“

Meiner Ansicht nach ist die Rhythmusbildung der wichtigere Teil der Text-Musik. Und: Dieser Bereich ist einfacher zu handhaben. Also tun Sie’s, „handhaben“ Sie den Rhythmus statt einfach nur Inhalte aneinanderzureihen!