Grundlegendes zum Bereich Figuren

Geschichten sind immer Geschichten von Menschen (selbst wenn z. B. Tiere als Stellvertreter „herhalten“ müssen). Die spannendste Story wird zur Lachnummer, wenn alberne Pappkameraden vorgeführt werden, und das großartigste Ereignis unglaubhaft, wenn die Figuren wie fremdgesteuerte Marionetten wirken.

Aber es sind Figuren, keine echten Menschen. Auch wenn der Leser die Figur als solchen empfindet, weil Sie Ihre Arbeit gut gemacht haben.

Die richtige Figur

Bei Schreiben brauchen Sie Figuren, die maßgeschneidert für Ihren Plot sind. Wenn Sie eine Geschichte darüber erzählen wollen, dass man Träume wahr machen kann, dann können Sie keinen von den vielen, vielen echten Menschen gebrauchen, die (a) gar nicht über das Traum-Stadium hinauskommen, die (b) zwar dem Kampf beginnen, ihn aber nicht durchstehen, und auch (c) niemanden, der auf dem Weg zum Traumziel wo ganz anders ankommt und viel glücklicher damit wird. Das alles wären andere Geschichten.

Um Wirkung zu erzielen, brauchen Sie Figuren, die stark genug dafür sind. Die allermeisten echten Menschen sind das nicht (oder zumindest nicht über einen – z. T. sehr – engen sozialen Bereich hinaus). Und selbst die echten Menschen, von denen man meint, sie wären „filmreife Charaktere“ würden 1:1 langweilen: Man müsste all die banalen Seiten dieser Person „wegschreiben“ (was Steffi Graf gern liest, ist für ihre Sportkarriere herzlich uninteressant).

Die Figur als Charakter

Wie kriegen Sie diesen Spagat hin? Mancher Schreiblehrer/kurs empfiehlt, Charakterblätter anzufertigen. Das ist nicht von der Hand zu weisen, und sei es, dass Sie dann immer nachsehen können, was Sie über den Helden behauptet haben, und er nicht auf Seite 1 professionell Cricket spielt und auf Seite 5 die Regeln dieses Spiels nicht versteht. Es ist sinnvoll, sich (wenn man sich das nicht merken kann, weil z. B. zu viele Figuren zu „handeln“ sind) auf dem Charakterblatt eine Kurzbiografie der Figur, Hobbys und Vorlieben zu notieren. Ob wichtig ist, was für einen Schlafanzug derjenige trägt oder welchen Tee er trinkt, ist aber wohl eher von der konkreten Geschichte abhängig.

Für die Glaubwürdigkeit der Figuren ist wichtig, dass sie tun, was ihnen entspricht, und nicht nur das, was der Plot verlangt. Die Herauforderung für den Autor besteht darin, genau die Figuren zu erfinden, bei denen das beides übereinstimmt. Dazu muss er die Figuren so genau kennen, dass er weiß, was sie tun würden.

Und dafür wiederum muss es etwas „zum Kennen“ geben. Nicht umsonst wird oft der Begriff „Charakter“ verwendet, der neben den Charaktereigenschaften einer Figur (schüchtern, tollpatschig, zupackend …) auch ihre Erfahrungen, Einstellungen und Ansichten umfasst. Wichtig: Diese Mehrschichtigkeit existiert immer in der Figur, nicht nur zu speziellen Anlässen, und das muss man spüren.

Die drei Formgeber der Figur

Um eine glaubwürdige Figur zu entwickeln, müssen Sie sich bewusst sein, wodurch Menschen geformt werden.

Es gibt zum einen das biologische Element. Das umfasst körperliche Merkmale und die Charakter-Anlagen. Die körperliche Erscheinung bestimmt, wie man wahrgenommen wird, z. B. gegen welche Vorurteile man kämpfen muss (oder sie bedient), und welche Leistungen man vollbringen kann (ein Kleinwüchsiger wird nie im Leben in der „normalen“ Fußballbundesliga mitspielen können). Auch die Grundlagen für Charakterzüge sind angeboren: Ein introvertierter Mensch wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf Abenteuersuche gehen und wenn, dann nicht mit großem Gefolge. Auch für intellektuelle und soziale Fähigkeiten werden die Grundlagen angeboren, wenngleich hier sehr stark geformt werden kann.

Das zweite, extrem stark formende Element ist das soziale Umfeld. Reichtum oder Armut, Großstadt oder Waldhaus, die Rolle der Eltern, Freunde, andere Menschen, Religion … all das formt maßgeblich. Die stärksten Effekte entstehen dabei in der Kindheit und frühen Jugend (Herkunft). Aber auch als Erwachsene sind Menschen noch durch das Umfeld formbar – entweder „schleichend“ über lange Zeiträume hinweg oder z. B. durch traumatische Erlebnisse von einem Moment zum anderen.

All das – das von der Natur Mitgegebene und das durch das soziale Umfeld Erworbene – prägt die Psyche des Menschen. Ängste, Sehnsüchte, Hemmungen, Schuldgefühle, Leidenschaften … färben unsere Wahrnehmungen und bestimmen mit, wie wir reagieren. Manches davon ist uns bewusst, anderes weniger. Manches können wir steuern (man kann z. B. bestimmte Vorlieben als irrelevant ausblenden) anderes weniger oder gar nicht (viele Hemmungen und Ängste sind nicht einfach ausschaltbar). Je „tiefer“ etwas verankert ist, desto weniger änderbar ist es. Maßgeblich sind dafür:

Die drei Ebenen in der Figur

Ein Mensch wird von drei inneren Elementen bestimmt: Instinkt, Gefühl und Verstand. Annähernd kann man es auch „Bauch, Herz und Kopf“ nennen.

Instinkt bzw. Bauch sind dabei die Grundlagen – an denen agiert niemand vorbei. Hier werden Gefühle geboren, Handlungen gelenkt und Gedanken eingefärbt. Wenn Sie nicht wissen, wie ihre Figuren in dieser Schicht „ticken“, werden Sie sie kaum glaubhaft oder gar „lebensecht“ darstellen können. Womöglich werden Sie nicht beschreiben können, wie dieser Teil Ihrer Figur aussieht. Das ist normal, denn das ist die Ebene, die wir von den niederen Tieren ererbt haben, die noch keine Worte oder dergleichen haben. Sie als Autor kommen also nicht umhin, diese Ebene zu empfinden, die Figur von dieser Ebene an in sich aufzunehmen und darauf alles andere aufzubauen.

Basierend auf dieser persönlichen Grundstruktur eines Menschen wird er Gefühle (Herz) auf eine eigene Art entwickeln und wahrnehmen sowie bestimmte Gedanken (Kopf) bevorzugen. Und das alles zusammen wiederum wird dann in Handlungen sichtbar, die Sie als Autor dem Leser zeigen können. Das heißt: Ihre Figur soll nicht tun, was für die Handlung nötig ist oder was Sie in der entsprechenden Situation täten, sondern was die Figur tun würde.

Wenn Sie so eine Figur geschaffen haben, eine mit Herz und Kopf UND Bauch, dann können Sie ihr vertrauen, können sie agieren lassen, ohne sie ständig in die Handlung zwingen zu wollen. Dabei kann es passieren, dass die Figur etwas macht, was Sie in der Handlung gerade nicht gebrauchen können. Ändern Sie dann nicht gleich die Figur, ändern Sie (mehr oder weniger weit reichend) die Handlung (also die Bedingungen, unter denen die Figur agiert – sie wird dann auch anders agieren)!