Grundsätzliches zum Erzählerstandpunkt

Wie eine Geschichte erzählt wird, hängt vom Erzähler ab. Bevor Sie anfangen, entscheiden Sie sich, was für ein Erzähler Sie sein wollen, und tauchen Sie in die Rolle dieses Erzählers ein!

Die Fachbegriffe

Wenn Sie sich zum Thema Blickwinkel informieren, treffen Sie unter anderem auf folgende Fachbegriffe:

Erzählperspektive, Erzählerstandpunkt, Point of View, Erzählform und ähnliches: Das wird oft synonym benutzt, ist aber nicht identisch. Dennoch wird man beim Nachschlagen auf große bis extrem große Ähnlichkeiten und Überschneidungen stoßen. Ich halte eine Unterscheidung dieser Begriffe für den Bereich des „einfachen Autorenwissens“ für eher verwirrend – lassen wir es also hier bei der Erwähnung der Worte.

Auktoriale Erzählsituation: Der Erzähler gehört nicht zur Handlung, er war bzw. ist nicht beteiligt. Man spricht hierbei auch vom allwissenden Erzähler. Dieser lässt seine Allwissenheit spüren, indem er Informationen einstreut, die die Figuren nicht haben können, Verbindungen aufzeigt oder sogar kommentierende Passagen einflicht.

Neutrale Erzählsituation: Der Erzähler gehört auch hier nicht zur Handlung. Er zeigt jedoch nur, was wahrzunehmen ist. Innere Vorgänge (Emotionen, Gedanken) und Zusammenhänge werden nicht mitgeteilt. In gewissen Sinne entspricht das dem typischen Film, der weder mit Stimmen aus dem Off noch mit kommentierenden Zwischen- oder Untertexten hantiert.

Ich-Erzähler: Der Erzähler ist Teil der Handlung. Er muss dabei nicht treibende Figur sein, theoretisch kann er als reiner Beobachter vor Ort dabei sein. In der Regel erzählt er aus der Erinnerung heraus. Als Spezialfall wird bei wikipedia der (Innere) Monolog genannt.

Personale Erzählsituation: Es wird aus der Perspektive einer Figur erzählt, ohne dass diese selbst erzählt. Ich verwende hier gern das Bild der Kamera – diese kann in sehr verschiedenen Distanzen zu jener Figur (ich nenne sie hier den „Point of View“) „angebracht“ sein. Sie könnte praktisch direkt im Hirn des Point of View sitzen und alles aufnehmen, was die Figur wahrnimmt, denkt und fühlt. Sie kann dem Point of View über die Schulter schauen und bei dieser Nähe wichtige Wahrnehmungen und die wesentlichen (aber nicht unbedingt alle) inneren Vorgänge erfassen. Sie könnte aber auch in größerem Abstand, quasi „parallel“ zu der Figur mitgehen. Diese Erzählform wird heute sehr oft verwendet, da die Kamera beweglich ist und man je nach Bedarf ganz nah an der Figur oder entfernter sein kann, wobei Letzteres eine deutliche Objektivierung des Gezeigten erlaubt.

Was Sie sich klar machen müssen

Bevor Sie anfangen, müssen Sie also Folgendes entscheiden:

Möchten Sie eher von innen heraus erzählen, also praktisch aus der Position der Figuren heraus? Dann stehen die Ich- und die personale Perspektive zur Verfügung.

Bei der Ich-Perspektive sind Sie in allem daran gebunden, was der Ich-Erzähler wahrnimmt, wie er es wahrnimmt und was ihm bewusst wird. Dinge, die zum Beispiel für das Verstehen der Beweggründe des Ich wichtig sind, aber von diesem nicht wahrgenommen werden, können Sie – wenn überhaupt – nur unter Schwierigkeiten vermitteln.

Bei der personalen Erzählweise können Sie auch Episoden erzählen, die ein Ich-Erzähler als unerheblich empfinden oder sogar gezielt verschweigen würde.

Möchten Sie von außen, als reiner (neutraler) Beobachter erzählen (also durchgehend szenisch schreiben)? In dieser Erzählhaltung können Sie keine Zusammenhänge mitteilen – was sich nicht aus Handlung – also dem, was zu sehen, zu hören, zu riechen, zu spüren ist – ablesen lässt, können Sie dem Leser nicht vermitteln.

Wenn Sie das brauchen (beispielsweise Verweise auf Vorereignisse wie „Er war schon immer ein kränklicher Knabe bewesen.“ oder Zusammenhänge wie „Helfried war Erwins bester Freund.“), müssen Sie die auktoriale Erzählweise wählen. Dies ist auch die richtige Wahl, wenn Sie Kommentare einflechten wollen oder die Position des „Märchenonkels“ einnehmen möchten. Anmerkung: Bei der personellen Erzählweise können solche Elemente auch als „Wissen/Sicht der Figur“ aufgefasst werden – bedenken Sie dann aber, dass das dann nicht zwangsweise „objektiv richtige“ Aussagen sind!

Point of View

Dieser Begriff ist nicht identisch mit den oben genannten Erzählhaltungen, er beschreibt vielmehr, wessen Blickwinkel wiedergegeben wird.

Bei neutraler und auktorialer Erzählhaltung ist der Point of View entweder die beobachtende Kamera oder die Person des Erzählers.
Bei der Ich-Perspektive ist es das erzählende Ich.
Bei personaler Erzählweise ist es die Person, an die die Kamera gerade „gekoppelt“ ist.

Der Point of View legt fest, was (an äußeren und inneren Ereignissen) wahrnehmbar ist; was davon dem Leser erzählt wird, zeigt, was der Point of View tatsächlich auch bewusstwerdend wahrnimmt.

Beispiel eins: Dass der Himmel für den Point of View sichtbar ist, heißt nicht, dass er ihn bewusst wahrnimmt – das gehört dann zum „Wahrnehmungspool“, aus dem heraus das Hirn die „relevanten“ Dinge erst herausfiltert.

Beispiel zwei: Wenn im Zusammenhang mit dem Point of View erwähnt wird, dass der Himmel wolkenlos ist, dann heißt das, dass diese Figur/Person das bewusst wahrnimmt, und das wiederum bedeutet, dass etwas die Figur (bzw. deren Unterbewusstsein) dazu brachte, diese Information aus dem Wahrnehmungspool als (wenn auch nur vorübergehend) relevant einzustufen (und ins Bewusstsein „hochzuheben“).

Stimmung oder Tonfall

Wie man erzählt, hängt neben der reinen Perspektivwahl auch davon ab, wem man es in welcher Situation erzählt.

An einem Ende der Skala liegt das „Selbstgespräch“. Die Geschichte wird so verfasst, als lasse sie der Autor für sich nochmal Revue passieren. Das kommt allerdings nicht wirklich oft vor, weil es einige Tücken hat (zum Beispiel gibt es Dinge, die man sich nicht erzählt, weil man sie ja weiß, die der Leser aber zum Verstehen brauchen würde) und Uneingeweihte selten ausreichend stark fesselt.

Die gängigste Variante ist die des Kinos: Der Film ist für ein anonymes Publikum, das im Dunkeln sitzt, gemacht. Man spricht niemanden aus dem Publikum direkt an und wendet sich auch mit Gesten und Tonfall niemand Bestimmtem zu. Lediglich eine gewisse Zielgruppe ist mitunter zu beachten.

Auf dem Weg die Skala entlang kommt man zur Situation des Märchenonkels, der inmitten von begierig lauschenden Kindern sehr farbig und emotional erzählt und dabei immer wieder eines der Kinder (stellvertretend für die anderen) oder alle Kinder direkt anzusprechen scheint. Das ist nicht auf Märchen und Kinder festgelegt, diese Stimmung findet man beispielsweise auch bei Partys oder am Stammtisch, wenn sich eine Gruppe um einen begnadeten Entertainer-Erzähler versammelt.

Am andern Ende schließlich liegt das Vier-Augen-Gespräch: Der Erzähler erzählt die Geschichte für haargenau den einen Menschen, der ihm gerade zuhört. Der Tonfall wird hier auch davon mitbestimmt, wie nahe der Erzähler dem Zuhörer steht.

Im Rahmen meiner Film-Analogien bedeutet das: Neben all den Funktionen, die Sie als Autor haben, spielen Sie auch noch die Rolle/Figur des Erzählers.

Perspektiven mischen

Man kann verschiedene Erzählperspektiven in einem größeren Werk kombinieren: verschiedene Ich-Erzähler, verschiedene Points of View bei der personalen Erzählweise, neutrale Erzählweise mit eingebetteten Ich-Passagen … Nicht jede Kombination ist sinnvoll, ein Mix aus auktorialer und neutraler Erzählweise zum Beispiel dürfte nur schwer zu vermitteln sein.

Bei personaler Erzählweise trifft man sehr oft auf Elemente, die an die auktoriale Perspektive erinnern. Ich meine damit Dinge wie „Er war schon immer ein kränklicher Knabe gewesen.“ oder „Helfried war Erwins bester Freund.“ In der personalen Erzählweise bekommen diese Sätze eine zusätzliche Bedeutung: Sie informieren nicht nur den Leser über den genannten Umstand; dass sie von der „personenbezogenen Kamera“ erfasst werden, bedeutet auch, dass der Point of View sich dieser Dinge bewusst ist. Im Extremfall kann es bedeuten, dass der Satz eine falsche Information enthält: Er kam sich nur (rückblickend) ständig kränkelnd vor und Helfried ist nur scheinbar Erwins bester Freund. Daraus ergibt sich ein Dilemma: In der personalen Erzählweise ist es wichtig, dem Leser klar zu machen, was wahr ist und was eine Falsch-Einschätzung des Point of View ist. (Beim Ich-Erzähler ist das einfacher, das ist per se alles nur persönliche Einschätzung.) Gelingt Ihnen das nicht, wird der Leser wahrscheinlich irgendwann einen Logik-Bruch bemerken (Wenn das der beste Freund tut – was tut dann wohl erst ein Feind?).