Lernen und Talent

Schreiben ist ein Handwerk. Man kann es lernen. Wie Tischlern.

Anders als beim Tischlern ist es jedoch ein wenig schwieriger, das „ist brauchbar“-Niveau zu erreichen. Um einen Tisch zu bauen, gibt es eine Reihe konkreter Anforderungen, die zu erfüllen man trainieren kann. Der Spielraum ist nicht sehr groß. Ein brauchbarer Tisch muss „nur“ drei oder vier genügend lange Beine haben, die so mit der Tischplatte verbunden sind, dass der Tisch nicht kippelt und die Oberfläche waagerecht ausgerichtet ist. Hat man das einmal drauf, kann man wieder und wieder diesen brauchbaren Tisch bauen und unter Umständen davon leben. Ein Schriftsteller, der wieder und wieder den gleichen Text schreibt, hat dagegen ein mächtiges Problem.

Der Tischler kann, wenn er genug Talent hat, um die erworbenen Grundfähigkeiten varrierend einzusetzen, auch andere Tische bauen: größere, welche mit anderen Formen, welche mit schöneren Beinen und Tischplatten. Der Schreiber muss genug Talent haben, um solche Variationen durchzuführen. Wirklich abwechslungsreich wird sein Lebenswerk dabei aber nicht werden.

Der Tischler kann, wenn sein Talent groß genug ist, auch lernen, seine Tische bestimmten Anforderungen anzupassen. Dazu muss er ein paar „Ingenieurtricks“ lernen, wie zum Beispiel „Wie kann man einen Tisch mit variabler Höhe / mit variabler Tischfläche konstruieren?“ Der Schreiber muss genug Talent haben, seinen Text bestimmten Anforderungen anzupassen – den Themen, den Nuancen, dem Genre, der Textform, dem Zielpublikum …

Kurz gesagt: Schreiben ist ein Handwerk, das man lernen kann. Wie gut man es lernen kann, hängt vom Talent ab.